Balkonverglasung-Sanierung-Plattenbau-Nordhausen

Copyright Bilder: Thomas Müller

Glas ganz oder halb offen, Sonnenschutz heruntergelassen oder nicht – in den hinzugefügten Wintergärten können die Bewohner das Klima und die Atmosphäre ihres Freiraums selbst steuern.
Frank Schönert, Hütten & Paläste
Team Hütten und Paläste
Team Hütten und Paläste
Büroprofil

Hütten & Paläste setzen sich kritisch mit neuen Handlungsfeldern sowie experimentellen Strategien einer nachhaltigen Raumproduktion in bestehenden Strukturen auseinander. Sie planen Architekturen, die nicht mehr dem Prinzip der Expansion folgen, sondern alle bestehenden Ressourcen (baulich, sozial, klimatisch, etc.) als Ausgangspunkt für offene Veränderungsprozesse sowie als Chance eines geänderten Planens, Bauens und Nutzens begreifen. Das Büro wurde 2005 von Nanni Grau und Frank Schönert gegründet. Die Arbeiten von Hütten & Paläste wurden vielfach publiziert und u.a. mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis 2021, dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Architektur 2024 sowie als Finalist des DAM-Preises 2023 ausgezeichnet.

Nanni Grau und Frank Schönert, Hütten & Paläste

IBA-Projekt Ossietzky-Wohnhof in Nordhausen

Als IBA-Projekt Thüringen wird seit 2020 ein Plattenbauquartier aus DDR-Zeiten saniert. Der Ossietzky-Wohnhof in Nordhausen mit den Häusern „Franzi“, „Ludwig“ und „Sophia“ ist beispielhaft für den bewahrenden Umgang mit der Bausubstanz – die Gebäude wurden behutsam weiterentwickelt und erhielten mit kleinstmöglichen Eingriffen eine neue architektonische Qualität. Bei „Ludwig“ gelang dies dem Architekturbüro Hütten & Paläste insbesondere mit einem additiven Bauteil: Es erweitert den Wohnraum, dient als Balkon, Loggia und Wintergarten zugleich und trägt als Klimapuffer zur Energiegewinnung bei.

Balkonverglasung Ludwig

Haus „Ludwig“ vor der Modernisierung. Dieses wurde 1980 als Plattenbau „WBS 70“ errichtet. Der Innenhof diente damals als Parkplatz, ohne weiteren Mehrwert für die Mieterschaft.

Multitalent gesucht

In ihren architektonischen Konzepten betrachtet das Architekturbüro Hütten & Paläste generell den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Mit einem solch nachhaltigen Ansatz überzeugten sie 2018 im Realisierungswettbewerb „Multitalent gesucht“ für das Plattenbauquartier Nordhausen-Nord, ausgelobt von der Städtische Wohnungsbaugesellschaft in Kooperation mit der Stadt Nordhausen. Gesucht wurden smarte Ideen, die mit kleinstmöglichen Eingriffen eine größtmögliche Wirkung erzielen.

Balkonverglasung Ludwig

Die Gebäude „Ludwig“ und „Sophia“ nach ihrer behutsamen Modernisierung.

Aus der Wettbewerbsphase stammen auch die Gebäudenamen „Franzi“, „Ludwig“ und „Sophia“, die den Wandel vom uniformen Plattenbau zum individuellen Wohnen unterstreichen sollen. Sie sind heute durch eine gemeinsame Terrassenzone miteinander verbunden, die eine barrierefreie Erschließung ermöglicht. Die Terrasse schafft einen intimen grünen Innenbereich, der gleichzeitig als Pufferspeicher für Regenwasser dient.

Vom monotonen Plattenbau zum individuellen Wohnen

„Franzi“ musste schlussendlich aufgrund zu hoher Schadstoffbelastungen einem Energieplushaus in Holzbauweise weichen. „Sophia“ wurde unter anderem mit Maisonettewohnungen und breitem Laubengang zur „flexiblen Mehrwertplatte“ modernisiert und auf KfW-Standard 85 ertüchtigt. Die wenigsten Eingriffe sahen die Planer bei den Gebäudeteilen „Ludwig A+B“ vor, die im bewohnten Zustand saniert wurden: Die nebeneinander liegenden, fünfgeschossigen Plattenbauten von 1980 blieben in ihrer Grundstruktur erhalten und entsprechen durch wenige, aber gezielte Maßnahmen heute dem KfW-Standard 100.

Die wellenförmige Kontur der neuen Balkonfassade verkürzt nicht nur optisch den langgestreckten Baukörper, sondern bricht auch die Sonneneinstrahlung.

Balkonverglasung Ludwig
Balkonverglasung Ludwig
Additives Bauteil

Obwohl im Wettbewerb noch anders geplant, mussten die baufälligen Bestandsbalkone auf der Südseite von „Ludwig“ abgebrochen und durch ein additives Bauteil ersetzt werden. Diese Maßnahme brachte jedoch neue architektonische Qualitäten mit sich: Die vorgestellten Betonmodule erweitern als private Wintergärten die Wohnflächen nach draußen. Zudem handelt es sich um ein Gestaltungselement, „das die nachbarschaftliche Kommunikation fördert", so Frank Schönert von Hütten & Paläste, „da jeweils zwei Balkone zueinander geneigt sind.“

Die neuen Betonmodule wurden vor die alte Gebäudehülle gestellt.

Balkonverglasung Ludwig
Balkonverglasung Ludwig
Wintergärten als Klimapuffer

Der größte Vorteil liegt jedoch in der Schaffung eines Klimapuffers durch bewegliche Verglasungen und großflächige Verschattungselemente. Dieser Klimapuffer kann ganzjährig als Wintergarten oder Terrasse genutzt werden und erweitert so den Wohnraum. Er ersetzt eine konventionelle Zusatzdämmung und senkt den Energiebedarf der Wohnungen.

 Die schematische Darstellung zeigt die solare
Energiegewinnung im Gebäude "Ludwig".

Sind die senkrecht rahmenlosen Schiebe-Dreh-Elemente Proline T von Solarlux geschlossen, werden sie durch die Sonnenstrahlung zum Klimapuffer und verlängern als Wintergärten die Outdoor-Saison.

Unterschiedliche Schutzzustände

„Glas ganz oder halb offen, Sonnenschutz heruntergelassen oder nicht – in den hinzugefügten Wintergärten können die Bewohner das Klima und die Atmosphäre ihres Freiraums selbst steuern“, fasst Frank Schönert die Vorzüge des additiven Bauteils zusammen. Einen weiteren positiven Effekt sieht er darin, dass sich diese als individuelle Handlungen der Bewohner*innen an der Fassade abzeichnen, und somit den Grundgedanken des Entwurfskonzepts aufgreift.  

Balkonverglasung Ludwig

Die neuen Wintergärten erhöhen nicht nur die Wohnqualität. Durch die Sonneneinstrahlung werden auch die Heizkosten der Wohnungen gesenkt.

Raumhoch oder auf Brüstung

In den Erdgeschosswohnungen wurden die Wintergartenverglasungen des Systems Proline T von Solarlux raumhoch gewählt, so dass ein nahtloser Übergang in die Gärten entsteht. In den Obergeschossen sind sie auf die Brüstungen aufgesetzt, eine bewusste Entscheidung in Abstimmung mit dem Bauphysiker, um zu hohe Wärmeeinträge an sonnenreichen Tagen zu vermeiden. Wird es dennoch zu warm oder mehr Frischluft gewünscht, können die Verglasungselemente von den Bewohnern zur Seite geschoben und um 90 Grad gedreht werden. Sie parken als unauffällige Glaspakete an den Balkontrennwänden. Ein schmaler, nur 3 mm breiter Lüftungsspalt zwischen den vertikal rahmenlosen Elementen sorgt im geschlossenen Zustand für den notwendigen Luftaustausch.

Balkonverglasung Ludwig

Das Ossietzky-Quartier verbindet kostengünstiges Bauen mit sehr guter Wohnqualität zu bezahlbaren Mieten.

Klimagerechte Stadtteilentwicklung

Das Energiekonzept wurde gebäudeübergreifend geplant und zeigt die Möglichkeiten einer klimagerechten Quartiersentwicklung auf: Bis zu 44 Prozent der benötigten Energie für Heizung und Warmwasser werden künftig vor Ort erzeugt. Dazu wurden auf den Dächern von „Ludwig“ und „Sophia“ Photovoltaikanlagen installiert, die die Haustechnik versorgen. Geheizt wird „Ludwig” daher mit einem Mix aus Fernwärme und lokalen erneuerbaren Energiequellen, „Sophia” mit Abluft-Wärmepumpen, nur in Spitzenlastzeiten wird Fernwärme zugeschaltet. Auch die neuen Wintergärten von „Ludwig“ tragen zur lokalen Energieerzeugung bei. „Mit der Wärmerückgewinnung über die Klimapuffer, der Geothermie und den großen Solaranlagen werden Energieüberschüsse erzeugt. Dadurch sind die Energienebenkosten auf rund 70 Prozent gesunken“, erläutert Frank Schönert von Hütten & Paläste die Vorteile für die Bewohner, die künftig deutlich unabhängiger von schwankenden Energiepreisen sein werden.

Balkonverglasung Ludwig
Balkonverglasung Ludwig
Bautafel

Projekt: IBA-Komplexsanierung Ossietzky Hof, Haus Ludwig
Ort: Dr. Robert-Koch-Straße 4-18, Nordhausen
Bauherr: SWG Nordhausen, Städtische Wohnungsbaugesellschaft mbH Nordhausen
ARGE Wettbewerb: Hütten & Paläste, ZRS Architekten Ingenieure, eZeit Ingenieure, schönherr Landschaftsarchitekten
LPH 1-5: Hütten & Paläste, Schönert Grau Architekten Part mbB, Berlin
LPH 6-8: Architekt Maurice Fiedler, Erfurt
BGF: 7.200 m2
Fertigstellung: 2023
Produkt: Schiebe-Dreh-System Proline T
Gebäudedaten: Baujahr 1980, Plattenbautyp WBS 70, zusammen mit drei Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss und 74 Wohnungen umfasst das Gebäude knapp 5.500 Quadratmeter Bruttogrundfläche.

Zeichnungen

Isometrie, Schnitt, Grundriss und Ansicht: Copyright Hütten & Paläste

Vorteile auf einen Blick

Balkonverglasung

Mit Schiebe-Dreh- oder Schiebesystemen aus Glas schützen Sie sich auf Ihrem Balkon nicht nur vor rauen Witterungsverhältnissen wie Wind, Regen und Kälte, sondern auch vor Lärm. Je nach Anforderung sind komplett transparente oder gerahmte Systeme erhältlich. Die flexiblen, ungedämmten Verglasungen verwandeln Ihren Balkon auf Wunsch in einen luftigen Freisitz oder einen wettergeschützten Raum. Die verschiedenen Systemlösungen können auch nachträglich auf vorhandene Brüstungen montiert werden. 

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