Interview Architekturpsychologin Dr. Abel
Interview
Architekturpsychologin Dr. Alexandra Abel
Architekturpsychologin Dr. Alexandra Abel

Wie viel Wand brauchst du? – Antworten einer Architekturpsychologin

Anders als beim Raumklima gibt es für die Antwort auf die Frage „Wie viel Wand brauchst Du?“ keine messbaren Grenzen, in denen sich unser Wohlbefinden bewegt. Die Antwort resultiert nicht aus körperlicher Wahrnehmung, sondern basiert auf Emotionen – auf dem Bedürfnis nach Schutz, Freiheit, Geborgenheit, Ruhe usw. Für die Architekturpsychologin Dr. Alexandra Abel beweisen Wände unsere Existenz und wirken sich direkt auf unsere Gesundheit, unser Glück und Wohlbefinden aus. Wir haben sie gefragt, wie Architekturschaffende die Wechselwirkung von Wand und Emotion bestmöglich beantworten können.

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In Ihrem einleitenden Essay „Architektur und Aufmerksamkeit“ für die Publikation „Architektur wahrnehmen“ schreiben Sie: Die Realität der Wände, die uns umgibt, sei der Beweis unserer Existenz. Können Sie das erklären?

Paar im Wintergarten unter Nachthimmel
Paar im Wintergarten unter Nachthimmel

„Wir sind selbst Raum. Und unsere Haut definiert die Grenze zwischen unserem Ich und dem Nicht-Ich. So sind wir Raum, der in den Raum hinein handelt. Aber was uns umgibt, ist der unendliche Raum. Wir sind also Endlichkeit in der Unendlichkeit, begrenzter Raum im unbegrenzten Raum. Es sei denn, wir umgeben uns mit einer schützenden Hülle, einer neuen Haut, nehmen Raum heraus aus dem Unendlichen und nennen das dann Zuhause. Unser Ich wohnt in unserem Körper und unser Körper wohnt in einer Kombination aus Wänden – in einem Zimmer und dieses Zimmer ist dann der Widerhall, der Spiegel, der Abdruck, die Grenze unserer Persönlichkeit.

Der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal sagte: „Denn, was ist zum Schluß der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All.“

Das Ich und die Welt, die Höhle und die Weite, Sicherheit, Geborgenheit und Ausblick. Das sind wir. Wohnen kann dieser Dualität entsprechen, wenn es uns von der sicheren Höhle aus den Blick auf die Sterne bietet.“

Welche Antworten gibt die Architekturpsychologie auf die Frage: Wie viel Wand brauchen wir?

bodentiefe cero Schiebefenster mit Vorhängen verbaut in einem Strandhaus
bodentiefe cero Schiebefenster mit Vorhängen verbaut in einem Strandhaus

„Bleiben wir bei der Dualität unserer Bedürfnisse: die Höhle und die Weite. Wir brauchen Schutz als Individuum, deshalb ziehen wir uns in Behausungen zurück. Dabei haben wir eine Präferenz für Orte, an denen wir Aussicht haben, selbst aber nicht zu sehen sind, so die Prospect Refuge Theorie von Appleton (1984).

Die Wand als Barriere ist der Prototyp eines Schutzgaranten. Die Öffnung jedoch hat ihre Funktion verändert. Früher wurde für eine notwendige oder gewünschte Öffnung mit der Funktion eines Innen-Außen-Kontaktes eine Unterbrechung der Wand in Kauf genommen. Heute sind bodentiefe Fenster und verglaste Fassaden zugleich Öffnung und schützende Wand. Doch ist diese Dualität möglich? Oder verbannt sie uns in ein emotional schwer fassbares Zwischenreich, in dem wir all unsere Bedürfnisse nur beinahe als erfüllt erleben?

Besonders wichtig ist es hier, den Nutzenden durch variable Aneignungsoptionen die Möglichkeit zu geben, die doppeldeutige Vorgabe im Sinne der eigenen aktuellen Bedürfnisse zu interpretieren und entsprechend zu nutzen.“

Gehen wir auf die Ebene des Individuums: Welche Rolle spielt die Persönlichkeit bei der Beantwortung der Frage „Wie viel Wand brauchst du?“

Wohnraum mit direkter Öffnung zur Terrasse
Wohnraum mit direkter Öffnung zur Terrasse

„Natürlich gibt es extrovertiertere Personen und Personen, die eher introvertiert sind und daher vielleicht mehr Privatheit und weniger bodentiefe Fenster brauchen. Darüber hinaus spielen aber auch andere – sich über die Zeit verändernde – Faktoren eine Rolle. So zeigt ein Mensch, in dessen Biographie ein Übergriff stattfand, beispielsweise ein größeres Sicherheitsbedürfnis (siehe z.B. Peled und Schwarz (1999)).

Neben den Persönlichkeitsunterschieden gibt es aber auch allgemeine Unterschiede, die mit unserem Alter, unserem körperlichen Zustand, unserer Stimmung und unserer lebensbiographischen Situation zu tun haben. Ein Loft mit fließenden Räumen entspricht vielleicht den Bedürfnissen eines Singles, der im Privaten keine weitere Differenzierung braucht. Sollte dieser Single Kinder bekommen, so werden diese, spätestens wenn sie in die Pubertät kommen, für den nachträglichen Einbau von Wandelementen plädieren – oder frühzeitig ausziehen.“

Architekturschaffende müssen bei der Planung verallgemeinern und in die Zukunft denken. Wie kann das gelingen und was muss dabei berücksichtigt werden?
Glas-Doppelfassade am Solarlux Gebäude in Niederlande
Glas-Doppelfassade am Solarlux Gebäude in Niederlande

"Das führt uns zu unserem Ausgangspunkt zurück. Die Architektur der Zukunft sollte sich am Wohlbefinden der Menschen und des Ökosystems orientieren, die untrennbar miteinander verbunden sind. Bei jeder Gestaltung muss an die Bedürfnisse aller gedacht werden – nicht nur an die Menschen, sondern auch an die Natur.

Durch eine Doppelmembran aus Glas kann beispielsweise die Dämmleistung einer Glas-Fassade verbessert, die gewünschte Erwärmung der Innenraum-Luft durch Sonne genutzt und die ungewünschte Erwärmung etwa durch Kühlung des Zwischenraums ausgeglichen werden. Ist diese Doppelmembran individuell zu bedienen, kann sie ganz flexibel auf die Bedürfnisse der Nutzer*innen reagieren. Wichtig dabei ist, stets über die anthropozentrische Perspektive hinaus zu denken. Wie ist die CO2 Bilanz dieses Systems? Wie schützt es Vögel? Usw.

Da wir als Menschheit im Moment an einem Punkt angekommen sind, an dem wir nicht so weiterleben können wie bisher, müssen wir neue Fragen stellen und neue Lösungen finden. Dafür brauchen wir die Kreativität von Architekturschaffenden, ihre Fähigkeit, über das Gegebene hinauszudenken. Aber die Gestaltenden sollten im Entwurfsprozess den Austausch mit Expert*innen wie Mediziner*innen, Psycholog*innen, Biolog*innen, Physiker*innen fest verankern und Partizipationsprozesse initiieren, wünschen, unterstützen. Innovative Lebensentwürfe sollten auf demokratischer Basis diskutiert und entschieden werden. Autokratische Experimente sind unzeitgemäß. Wer will schon sein Leben in der Utopie eines anderen verbringen?"

"Wie viel Wand brauchst du?"
Wohnen kann unseren gegensätzlichen Bedürfnissen nach Schutz und Weite entsprechen, wenn es uns von der sicheren Höhle aus den Blick auf die Sterne bietet.
Dr. Alexandra Abel, Architekturpsychologin